Auf den Höhepunkt folgte der tiefe Fall

Andy Boller war vor zehn Jahren der letzte deutsche Sieger beim ADAC Supercross Stuttgart

Es ist die letzte Runde, die Zuschauer im Hexenkessel der Schleyer-Halle toben. Andreas Boller liegt in Führung, er kann das Ding nach Hause fahren. Nur nicht stürzen, ja nicht stürzen – das ist das einzige, was ihm noch durch den Kopf geht. Dann rauscht der Wetzlarer ins Ziel. Boller schaut auf die Anzeigetafel, sieht seinen Namen ganz oben. „Ich konnte es kaum glauben, das war der Wahnsinn.“ Zehn Jahre liegt sein Sieg beim ADAC Supercross Stuttgart nun zurück. Der Hesse ist der letzte Deutsche, dem dieses Kunststück gelungen ist. Nach der Siegerehrung bricht ein wahrer Medienhype über den damals 22-Jährigen herein. Reporter umzingeln ihn, Fotografen lichten ihn in allen erdenklichen Posen ab. „Aber das geht ganz schnell vorbei, wenn man nicht mehr oben ist“, erinnert er sich. Auf den Höhepunkt seiner Karriere folgt der tiefstmögliche Fall. Boller reist als Gesamtführender nach Dortmund, hat beste Chancen, die Serie zu gewinnen. „Damals bekam der Sieger einen Porsche.“ Bei einer unglücklichen Aktion am Start bricht er sich aber den Arm. Saisonende. Umso hoffnungsvoller geht der junge deutsche Fahrer die Planungen für die Outdoor-Saison 2003 an. Er fährt ins Trainingslager nach Italien, setzt sich zum ersten Mal nach seinem Armbruch wieder aufs Motorrad, stürzt und bricht sich den ersten Lendenwirbel. Es folgen eine schwierige Operation und ein langer Aufenthalt im Krankenhaus. „Vier Wochen lang durfte ich nur auf dem Rücken liegen und musste die Decke anstarren.“ Der Motorsportler hat viel Zeit zum Nachdenken und beschließt, eine Ausbildung zu beginnen. Der Profitraum war ausgeträumt. Boller zieht eine Lehre als Kfz-Mechatroniker durch, klagt aber öfters über Rückenschmerzen, die von seinem Unfall herrühren. Weil er auch das Abitur in der Tasche hat, entscheidet er sich für ein BWL-Studium, macht seinen Abschluss an der Uni Gießen. Das ebnet ihm den Weg zurück in seinen Sport. Er hat sich auf Online-Marketing spezialisiert und bereits eine Einladung zum Vorstellungsgespräch bei KTM Österreich in der Tasche, als ihm das „MotoX Magazine“ einen Job als Redakteur und Motorrad-Tester anbietet. „Das Schreiben hat mir schon immer Spaß gemacht“, sagte er und die Kollegen in der Redaktion bescheinigen ihm das nötige Talent für den Job. Nach einer Probezeit erhält der einstige Stuttgart-Champion einen festen Vertrag bei der Zeitschrift in Köln. Dort wohnt Andreas Boller unter der Woche, nur am Wochenende zieht es ihn nach Gießen zu seiner Lebensgefährtin. Wenn er heute ein Supercross-Rennen besucht („in Stuttgart bin ich immer dabei – beruflich und privat“), dann juckt es ihn nicht mehr in den Fingern. In den ersten Monaten nach seinem letzten Rennen im Jahr 2005 habe er zwar immer wieder mit einem Comeback geliebäugelt. „Aber jetzt wäre der Aufwand so groß, wieder dorthin zu kommen, wo die anderen sind.“ So drückt er jetzt den anderen die Daumen und wünscht sich endlich mal wieder einen deutschen Sieger in Stuttgart. „Wenn Du als Deutscher gewinnen willst, muss alles passen, und Glück brauchst Du auch noch.“ Andy Boller muss es ja wissen...